Dr. Michael Grünwald
Eine Predigt zu Ijob
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Der Bibeltext Hiobs Klage Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet. So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe, und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Mein Leib ist gekleidet in Maden und Schorf, meine Haut schrumpft und eitert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück. (Ijob 7, 1-7) Die Predigt I Wer eines Tages gesagt bekommt, er sei todkrank, ja unheilbar krank, der sieht seine Welt zusammenbrechen und muss aufpassen, nicht von den Trümmern erschlagen zu werden. Der Gang des Lebens wird verschüttet. Alle Pläne werden begraben. Mit einem Schlag ist alles anders. Auch Gott erscheint anders. Selbst wer sich zusammenrafft, blickt nicht durch. Im Unglück Gedanken zu ordnen, ist schwer, auch Gott gegenüber. Das Warum und Wozu bedrängt übermächtig. Das hat schon Hiob erlebt. Freunde können in solcher Not aufrichten, wenn sie am Rande stehen bleiben und wenig reden. Freunde können aber auch niederschmettern, wenn sie in unser Unglück eindringen, um es aufzuklären. Mir hat einmal einer mein Elend mit folgendem Hinweis gedeutet: "Jaja, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen!" Ein anderer wollte mich trösten: "Gott liebt Sie besonders, weil er Sie so leiden läßt." Ein anderer wollte mir erklären: "Der Mensch reift am besten durch Leiden." Ich kam mir vor wie Hiob unter seinen drei Freunden. Was sie mir sagten, war gut gemeint, war fromm gemeint, war sogar richtig. Aber ich konnte den Anschluss nicht finden. So fuhr mir die Hoffnung davon, die sie mir geben wollten. Und ich blieb noch einsamer und verwirrter zurück. Hiob kam sich vor wie ein geschlagener Kämpfer und und betrogener Tagelöhner. Sie haben es gehört. Ich konnte es ihm nachfühlen. Wer von Ihnen schon ähnlich daran war, kennt auch das andere: "Die Monde voll Enttäuschung" und die "Nächte voller Mühsal" mit ihrer Unruhe und ihren Schmerzen, durchzogen von dem einen Wunsch: "Wenn es nur bald Morgen wäre!" Er kennt auch das Hin und Her zwischen Zuversicht und Entmutigung und darin die unausgesprochene Angst, das Leben könnte zu Ende gehen wie der Faden, den das Weberschiffchen verspinnt. Hiob hat das schön ausgedrückt Wir sind meistens sprachlos. Es ist mühsam, sich darin zurechtzufinden. Darauf aber käme es an. Es geht in all diesem Erleben und Erstreben, in diesem Hinfallen und sich Aufraffen darum, die wahre Gestalt unseres Lebens zu finden: "Wer bin ich? Wer soll ich sein?" Die Antwort muss jetzt ganz anders ausfallen, als wir sie uns ausgedacht und erträumt hatten. Das macht sie so schwer. Dass wir uns im Unglück so schwer zurechtfinden, liegt aber zutiefst daran, dass wir uns nicht damit abfinden wollen, Grenzen zu haben, hinfällig zu sein, endlich zu sein, letztlich: Geschöpf zu sein. Das erschwert die Antwort am meisten. II Wieviel sich in uns dagegen aufbäumt, berechtigt und sündhaft - wer weiß es? -, das tritt heute in der ganzen Menschheit zutage. Die Ärzte versuchen, die Todesgrenze hinauszuschieben. Immer mehr Menschen, Junge und Alte, Reiche und Arme, wollen mit Rauschmitteln ein befreites, glückliches Leben erzwingen, und sei es auch nur für Augenblicke und Stunden. Sogar die Terroristen in reichen und armen Ländern wollen eine gerechte, eine vollkommene Gesellschaft herbeibombardieren. Das ist der Protest gegen das Gegebene, gegen das Menschsein, wie es ist. Er steht heute in der ganzen Menschheit auf. Er steckt auch in jedem einzelnen von uns. Wir können heute nicht übersehen, dass er erst recht in den Unsinn und in die eigene Zerstörung treibt. III Zurechtfinden können wir uns in unseren Grenzen und Leiden nur, wenn wir uns damit abfinden. Das meint keineswegs, vor ihnen resignieren. Aber das meint, sie annehmen, annehmen, dass wir Geschöpfe sind, dass wir vergänglich und hinfällig sind, annehmen, dass es unerklärliches Leid gibt und dass es auf unser Leid oft keine Antwort gibt. Das zu bejahen, tut weh. Das demütigt. Aber das hilft, die Wahrheit zu finden, die davor bewahrt, uns aufzureiben. Gott läßt uns dabei nicht allein. Er ist dem Hiob erschienen. Da hat Hiob gemerkt, dass Gott mit ihm zu tun haben will, dass Gott sich um ihn sorgt, der Gott, den er nicht versteht, der aber auf ihn zugeht. In dieser Erfahrung ging ihm Gott ganz neu und anders auf: Er kann nicht der sein, den seine Freunde ihm, wisserisch weismachten. Er kann nicht so sein, wie er selbst geglaubt hatte. Die Theologie seiner Freunde musste falsch sein. Auch ihre Theorie vom Leid. Sie hatte ihn in Zweifel gestürzt: "Was habe ich denn verbrochen, dass Gott mich so straft?" Jetzt sah er, wie Gott aus diesem Zerrbild heraustrat als der, der sein Geschöpf sucht, gerade wenn es leidet. Jetzt verstand er auch: Wer leidet ist nicht als Sünder gebrandmarkt. Wer im Glück lebt, ist nicht als Gerechter erwiesen. Gott half ihm, sich und sein Unglück anzunehmen. Wir wissen erst recht: Gott läßt uns nicht allein, unser Leben auch dann anzunehmen, wenn es zerbricht. Er ist in Jesus Christus erschienen als vergänglicher, hinfälliger Mensch. Er hat unser Menschengeschick als sein eigenes angenommen. Er hat mitgelitten und hat aufgeschrien. Er ist in den Tod gegangen, weil Gott uns so weit nachgehen wollte. Diesen Gott wissen wir nahe, wenn uns das Kreuz unseres Lebens zu erdrücken droht. Dieser Gott trägt selber mit, damit wir es tragen können. Er ist gekreuzigt, damit wir gekreuzigt sein können. Das hilft. Carl Gustav Jung hat das einmal sehr treffend aus seiner Sicht unterstrichen. Er wies einen Besucher, einen evangelischen Theologen, auf die Nachbildung des Königsfelder Glasfensters in der kleinen Bibliothek seines Hauses hin. Das Glasfenster zeigt die Kreuzigung Christi. Jung sagte: "Sehen Sie, dies ist doch das Entscheidende für uns." Um eine Erklärung gefragt, fuhr Jung fort: "Ich komme gerade aus Indien, da ist mir dies von neuem aufgegangen. Der Mensch muss mit dem Problem des Leidens fertigwerden. Der östliche Mensch will sich des Leidens entledigen, indem er das Leid abstreift. Der abendländische Mensch versucht, das Leiden durch Drogen zu unterdrücken. Aber das Leiden muss überwunden werden, und überwunden wird es nur, indem man es trägt. Das lernen wir allein von Ihm." Und er deutete auf den Gekreuzigten (vgl. C. G. Jung, 100 Briefe, eine Auswahl. Olten-Freiburg 1975, 51 f.). IV Das Annehmen bleibt trotzdem schwer. Wer leidet, kann nicht von sich absehen. Darum ist selbst der Blick auf den Gekreuzigten kein Trost, wenn er aus dem Abstand auf ihn gerichtet wird. Es hilft nicht, herumzufragen, warum selbst Gott leiden musste, warum es nicht anders ging. Es nützt nicht, sich zu quälen, warum wir leiden müssen, woher der unheimliche Riss in der Schöpfung kommt. Wir müssen uns hinschreien zu ihm. Wir müssen das Kreuz Christi handfest umfassen, um das eigene Kreuz umfassen zu können. Wir müssen Gott unser Herz ausschütten, um von der Liebe des Herzens Gottes überschüttet zu werden. Auch Hiob, auch Jesus hat sein Leid nicht theoretisch bewältigt. Sie haben geschrien. Sie haben geklagt. "Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist! Nie mehr schaut mein Auge Glück", hat Hiob geschrien und geklagt. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" hat Jesus geschrien und geklagt. Darum dürfen auch wir schreien und klagen. Ja, wir sollen es, um in Gottes Ohr und Herz zu dringen. Verstehen sie recht! Klagen ist nicht jammern. Wer jammert, kreist um sich selbst. Wer klagt, protestiert gegen das eigene Elend und schenkt Gott das Vertrauen, dass er es ändern kann, dass er es wenigstens tragen hilft. Hiob hat für Gott protestiert, als er gegen sein Leid und gegen den Gott seiner Freunde protestierte. Er wollte mit Gott eins sein und bleiben. Er hat geglaubt. Darum geht es in unserem Unglück. Wir müssen gegen das Leid aufschreien und kämpfen. Es steht gegen Gott. Es geht darum, uns als Leidende, die nicht verstehen, in die Hand Gottes fallen zu lassen und uns aus dieser Hand anzunehmen. "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!" Aus diesem letzten Wort Jesu strahlt der Kern seiner Leidensklage: sein restloses Vertrauen, auch im Abgrund Gottes Geschöpf und Sohn zu sein. In diesem Schrei des Vertrauens wurde sein zerbrochenes Leben zu einem wahren Ganzen gefügt. Dieses Geheimnis Jesu Christi lichtet Hiobs Geheimnis, lichtet unser Leid. Es will uns ergreifen. Unser Leben kann ein ganzes Leben sein, auch wenn es zerbrochen ist. Das begreift nur, wer glaubt. Wer es aber begreift, wird verwandelt. Aus manchem Glaubenden leuchtet diese Verwandlung schon in dieser Welt. Ich sah sie an einer schlichten, guten, selbstlosen Frau. Sie hat über viele Jahre hinweg hart gelitten, zuerst an Magenkrebs, dann an Knochenkrebs mit ständigen Schmerzen. Sie wurden zuletzt so unerträglich, dass sie sich nicht mehr halten konnte. Sie war tiefgläubig. Wer sie kannte, musste erschrecken, dass sie eines Tages stöhnte: "Himmelvater, ich bitte dich, lass mich in Ruhe!" Das ist Hiobs vom Leid überwältigter Schrei aus der Tiefe zu Gott. Sie hielt sich mit letzter Kraft an ihm fest und wurde von ihm gehalten. Schließlich musste ihr das Bein abgenommen werden. Kaum zu Hause - nach langen Monaten im Krankenhaus - stellten die Ärzte wieder Krebs fest. Sie erfuhr, dass sie nicht mehr lange leben werde. Sie nahm an, unter Tränen. Und doch strahlte sie ein inneres Licht aus. Einer der Ärzte des Krankenhauses sagte mir: "Immer, wenn ich zu ihr komme, ist sie unerklärlich freundlich." Sie hatte sich im Einsturz ihres Lebens zurechtgefunden. (aus: Michael Grünwald: Wie eine brennende Fackel. GD-Verlag, Regensburg 1991. 172-174.) |