Dr. Michael Grünwald
Das geistliche Testament
eines Heiligen
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Am Fest Mariä Himmelfahrt 1989 An alle, Meine Lieben! Manchmal, wenn mich die Schmerzen sehr plagen, kommt mir vor, ich gehe der 10. Station entgegen. Ich gehe mit dem Herrn. Den Blick auf ihn habe ich bisher nicht verloren, auch nicht in den dunklen Stunden im Krankenhaus. Ich konnte ihn bei diesen Stürzen nur mehr anflehen: "Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!" Er hat mich gehalten und angeblickt. Und dieses Wissen hat mich in allen Schmerzen glücklich gemacht. Ich gehe mit dem Herrn - hinaus. Gerne hätte ich weitergepredigt, sehr gern. Vielleicht ergeht es mir darin auch wie ihm. Die Predigt, das Vergeben, das Heilen war sein Leben wie meines. Aber seine Predigt ging auf das Leiden hinaus, sein Reden auf das Verstummen, sein Wirken auf das Lieben. Jesus hat am lautesten gepredigt, als er verstummte und nur mehr dahing, hingegeben an den Vater für uns Menschen, beladen mit der Sünde und dem Unglück der Welt, weil Gott in seiner Liebe zur Menschheit so weit gehen wollte. Darum ist mir mein Geschick innerlich nicht fremd, so gern ich leben und wirken möchte. Mein Leben als Priester Jesu Christi hat keinen Bruch erlitten. Ich gehe mit ihm, um das unerklärliche Leid der Welt auszutragen, das gegen Gott steht. Ich kämpfe, weil es gegen Gott steht. Ich trage es, um gerade darin Gott mein Vertrauen und meine Liebe zu bekunden, und ihn als Gott und Herrn zu verherrlichen. Ich denke, es gehört zutiefst zum priesterlichen Dienst, das Leid, das ja nicht von Gott kommt, durch Liebe zu verwandeln und so in die Verantwortung Gottes für die Welt einzutreten. Er hat durch Christus das Leid und die Sünde, die gegen ihn von Anfang an aufstand, durch Liebe verwandelt. Ich bin der Überzeugung, dass Gott mit der Erschaffung der Menschen, mit dem Risiko, ihn in die Freiheit des eigenen Seins zu entlassen, gleichzeitig selber Mensch werden wollte, um diese Freiheit mit unbegreiflicher Liebe aufzufangen. Am gekreuzigten Christus sehe ich es: Gott hat die missbrauchte Freiheit, die Sünde der Menschheit, mit unfassbarer Liebe aufgefangen. Ich erkenne meine Aufgabe als Priester, durch Seinen Ruf in dieser Verantwortung zu stehen. Und sollte sie bedeuten: "Gebrochen werden für", dann weiß ich mich in der Mitte des Mysteriums Christi. Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was mein Leiden mit der Nachfolge Jesu zu tun habe. Jesus war nie krank. Er kam nicht, um krank zu sein, sondern um zu heilen. Das gehört zu seiner Sendung. Wäre ich verleumdet oder aus der Kirche hinausgeworfen worden, hätte ich mir gesagt: "Das ist ihm auch passiert. Da stehst du direkt in seiner Nachfolge." Aber krank sein? Es ist nicht wahr, dass Gott Krankheit schickt. Sie kommt nicht von ihm. Sie kommt aus dem Zustand dieser Welt. Er lässt sie zu. Ich weiß nicht warum. Ich kann meinen Weg als Weg mit dem Herrn nur verstehen, wenn er nicht nur gekommen ist, um die Sünde aufzuheben, sondern um in seiner Menschwerdung das menschliche Geschick überhaupt zu übernehmen. Diese Einsicht hat es mir möglich gemacht, mich in der Nachfolge Jesu zu wissen, mit ihm berufen zu sein, Sünde und Unsinn auszuleiden. (Kol 1,24) Ich will darin Gott auch die Ehre geben, die ihm so viele verweigern. Nicht, weil er sie braucht, sondern weil sie ihm gebührt. Das ist jetzt meine Berufung. Und sie genügt mir. Darum werde ich Gott einmal auch nicht fragen, warum er mich leiden ließ. Ich frage ihn auch jetzt nicht so. Überdies darf ich mich so in ihm wissen, dass ich nicht so fragen kann. Er hat mich in meinem Leben reich beschenkt. Ich durfte beim Gebet sein Antlitz finden und in ihm ruhen. Ich durfte in seiner Gegenwart Gespräche führen. Er fiel mir auf der Straße ein. Im Grunde durfte ich immer bei ihm sein. Als Priester bin ich ganz glücklich geworden. Christus hat mich nicht nur in seine Sendung aufgenommen, sondern in seine Freundschaft gerufen. Am glücklichsten war ich vor dem allerheiligsten Sakrament, wo ich wusste: Er ist da, um sich zu verschenken, in ehrfürchtigem Aussprechen seines Namens, im wortlosen, anbetenden Verweilen. Dort habe ich am meisten erfahren, auch für die Predigt, das Innere der Predigt, ihn selbst. Ich wusste mich ihm vis-à-vis. Mir war, als sei er wie hinter einem Vorhang von Licht, der verklärte Herr, ohne fassbare Umrisse, aber als lebendiges Du, von dem ich mich angeschaut und geliebt wusste. Beim geistlichen Dienst, in der Predigt, bei der Mysterienfeier durfte ich mich ganz zur Verfügung stellen. Es hat mich erschüttert und glücklich gemacht, dass er durch mich redete und handelte. Wie sollte ich fragen: "Warum?" Das alles hat mich mit einem herzlichen Wohlwollen, ja, mit Liebe zu allen Menschen erfüllt. Oft habe ich darunter gelitten, dass so wenige verstanden, dass viele, auch in der Kirche, nicht ins Innere des Lebens mit Gott eintraten. Es hat mir auch weh getan, wenn mein Anliegen nicht begriffen wurde. Die tiefe Freude, Priester sein zu dürfen, hat mich zu einer besonderen Zuneigung zu den Priesterseminaristen bewegt. Ich sah in ihnen die zu Freunden Jesu Christi Berufenen. In dieser Gemeinschaft sah ich sie als meine Freunde an. Die meisten haben mich verstanden. Ich wollte sie nicht nur im Dienst unterrichten, sondern sie auf den Freund Jesus Christus hinweisen. Ich wollte ihnen helfen, geistliche Menschen zu werden. Wenn ich einmal beim Herrn bin, werde ich segnend meine Hände über unser Priesterseminar ausstrecken. Ich werde mithelfen, dass dort von Christus ergriffene, begeisterte Priester gebildet werden. Was mich auf meinem Weg besonders schmerzt, ist, dass meine hochbetagte Mutter und meine Schwester mein Elend mitansehen müssen. Meine Mutter lebt ganz in Gott. Aber ich sehe, wie sie vom Schmerz bedrängt ist. Sie hat mich unsagbar reich beschenkt. Sie gab mir nicht nur das Leben. Sie zeigte mir Christus und lehrte mich, ihn zu lieben. Sie schenkte mir täglich das Licht ihrer stillen freundlichen Güte. Meine Schwester hat mir soviel Gutes getan, dass ich ihr nicht genug danken kann. Sie hat alles getan, was sie konnte, um mir zu helfen, um mir beizustehen. Aber ich sehe sie vom Schmerz überwältigt und kann sie nicht trösten. Wie oft wollte ich es! Ihretwegen bliebe ich gern am Leben. Ich kann sie nur bitten, Gott das Vertrauen nicht zu entziehen, sondern sich an ihm festzuhalten, auch wenn sie nicht versteht, und sich von den Freunden, die wir haben, helfen zu lassen. Was mich auf meinem harten Weg sehr tröstet, sind die vielen Freunde und guten Menschen, die mich mit dem Blick ihrer Liebe und ihrem Gebet begleiten. Für einen Priester wird wohl selten so viel gebetet worden sein, wie für mich. Ganze Klosterkonvente und Gebetsgruppen und viele einzelne haben sich zusammengetan, um den Herrn für mich zu bitten. Jeden Tag erfahre ich Zeichen des Mitleidens und der Liebe. Ich muss letztlich allein gehen, aber es stärkt, um soviel Zuneigung und Sorge zu wissen. Ich kann nur danken, allen. Und wenn ich einzelne besonders nennen darf, dann sind es meine Werdenfelser Brüder, mein Freund Hermann Blümel, Dr. Karl Hofmann, mein Bischof, Weihbischof Defregger, Sr. Cherubina, Sr. Angelinde, Sr. Jonatha, Sr. Margarete O.P., die Weikersinger Schwestern, die Benignitas-Gemeinschaft, Fridolin und Anni Friedl, Frau Jahn, Ponkratz und Hauner, Ursula Berger und Fritz Freytag, Familie Andreas Grillhösl und Dr. Josef Simon. Am liebsten würde ich all mit Namen nennen. Alle haben mir sehr viel geholfen. Ich werde ihnen von drüben näher sein als Jetzt und sie begleiten. Jetzt kann ich nur aus ganzem Herzen danken. Danken möchte ich auch Joseph Kardinal Ratzinger. Er hat mir früher oft bei der Predigt zugehört und seitdem immer wieder Zeichen seiner Verbundenheit geschenkt. Dankbar denke ich auch an die Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, die mir beistanden. Ich gebe mich ganz in die Hand meines Schöpfers und Erlösers. 1983 hatte ich das Gefühl: "Mein Leben stockt. Es geht nicht weiter. Ich bin an einer Grenze. Ich müsste zu neuem aufbrechen." Es geschah nicht. Ich wurde krank. Während der Krankheit kam mir oft der Gedanke: "Mein Leben hat seine Gestalt gewonnen. Vielleicht will Gott nicht mehr von mir." Ich weiß es nicht. Viele hatten große Erwartungen auf mein Leben gesetzt. Ich hätte sie gern erfüllt. Aber mein Weg begann, sich nach unten zu wenden. Ich wusste: Das ist die Lebensbewegung Jesu Christi. Ich habe angenommen. Phil 2 ist mein Lebenslied geworden: "Gehorsam bis zum Tod erhöht zur Ehre Gottes des Vaters." Ich hoffe, dass er mich mit hinaufnimmt. "Jesu, dir lebe ich Jesus, dir sterbe ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod." Ich segne alle, denen ich Priester sein durfte, alle, die an meinem Weg standen und mich begleitet haben, auch alle, die mir fern standen. Ich freue mich auf Christus. Er hat mich fasziniert. Er war mir mehr als alles. Ich werde ihn bitten, dass wir alle, bei ihm vereint, uns wiedersehn in ewiger Freude. Euer Michael Grünwald
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