Clemens Maria Hofbauer
Gutachten über Johann Michael Sailer

 

Das Gutachten lautet in deutscher Übersetzung:

Johann Michael Sailer ist bekannt in ganz Deutschland und in einem großen Teil von Ungarn, ja, wenn man es nicht im strengsten Sinne nimmt, kann man sagen, dass er außerhalb Europas bekannt ist. Es ist wahr, dass er in Landshut einer der wenigen gewesen ist, die es wagten, offen von Christus zu reden, während alle anderen sich dort gegen Christus erklärt hatten. Er ist ein Christ, aber so viel ich weiß, will er von der Form nichts wissen. Er hat sehr viele Anhänger, und diese sind freilich fromm. Gesehen habe ich Sailer nur einmal und war damals nur eine halbe Stunde bei ihm; denn ich hatte Angst, länger bei ihm zu verweilen, da ich von seinen Schülern schon soviele Nachrichten hatte, die mich schaudern machten. Unter anderem sagte man mir, dass eine seiner Anhängerinnen im Fürstentum Öttingen die Beicht höre. Er war auch mit jenen Irrgläubigen verwickelt, die damals noch im Fürstentum Kempten waren und wegen ihres falschen Glaubens des Landes verwiesen wurden. Daher wurde auch er von dem Kurfürsten [Karl] Theodor verbannt. Als ich ihn in seinem Exil zu Ebersdorf [lies: Ebersberg] besuchte, beredete er mich, zu dem Seminardirektor [Michael] Wittmann nach Regensburg zu gehen. Jener war jedoch schon von Sailer unterrichtet, wie er sich mir gegenüber verhalten solle; dessen ungeachtet gelang es mir stets, mit Gottes Hilfe jede Gefahr zu vermeiden, da ich mit der größten Sorgfalt die göttliche Gnade des wahren Glaubens zu bewahren suchte.

Ich weiß bestimmt, dass Sailer gesagt hat, die Kirche habe kein Monopol auf den Heiligen Geist; dieser wirke ebensoviel in denen, die in der heiligen Kirche sind, wie in jenen, die außer ihr sind, wenn sie nur an Christus glauben.

Sailer ist auch sehr vertraut mit den Anhängern Wessenbergs; er hat von Wessenberg Geld bekommen, um es unter seine Anhänger zu verteilen. Es ist außer allem Zweifel, dass er mehr als billig dem Mystizismus ergeben ist; jedes Jahr macht er eine Reise in die Schweiz und ist auch in Wien gewesen, um, wie sie sagen, die Mitbrüder zu stärken. Ich glaube, dass er auch mit der bekannten Frau Krüdener eines Sinnes ist; dies steht fest, dass er Schüler hat, die in geheimer Mission seine Grundsätze verbreiten. Er war mit dem bekannten Lavater in der Schweiz innig verbunden, der zur Sekte des Zwingli gehört, so dass die Züricher zu sagen pflegten: "Lavater wird durch Sailer Katholik werden"; die Katholiken hinwieder sagten: "Sailer wird durch Lavater überzeugt werden und die Lehre Zwinglis annehmen." Es ist kein Zweifel, dass er mit den Württemberger Separatisten gemeinsame Sache machte. Diese sind eine Art Lutheraner, die ein Christentum ohne Form und äußeren Kult anstreben. Deshalb sind auch viele von ihnen nach Amerika ausgewandert, da sie von ihren Pastoren ihres allzu innerlichen Christentums wegen verfolgt wurden. Sie tauften ihre Kinder selbst und anerkannten keine Diener der Religion.

Die Briefe der Schüler Sailers enthalten nichts als Liebe und Liebe. Aber diese Liebe erschien mir als etwas so Kaltes, dass es mich ekelte, als ich einige dieser Briefe gelesen hatte.

Manchmal reden sie von der Kirche, ich weiß aber nicht, welche Kirche sie meinen. Als ich einst einen seiner treuesten Parteigänger fragte, weshalb sie mit den Jesuiten und anderen Gutdenkenden in Augsburg in Glaubenssachen nicht einig wären, antwortete er mir mit einem tiefen Seufzer, das sei eben bedauernswert, dass die Guten nicht einig sein könnten.

Für Osterreich wäre es ein großes Ärgernis, wenn Sailer Bischof würde; denn er ist durch seinen Schüler, den Pfarrer Boos in der Linzer Diözese, allzu bekannt; dieser war einst eingekerkert und schließlich des Landes verwiesen worden. Helfferich weiß, dass Sailer den bekannten [Darmstädter Hofprediger Johann August] Starck und andere abgehalten hat, katholisch zu werden. Da auch Helfferich und Baron von Penkler, von ihrem Gewissen geleitet, Auskunft geben, erachte ich es nicht für nötig, noch mehr beizufügen. Nur noch das: wenn Sailer in Augsburg oder anderswo Bischof würde, wo er bekannt ist, würden wenige Geistliche die Jurisdiktion von ihm annehmen, weil sie sagen, er sei gefährlicher als Luther; dieser habe offen die Kirche Gottes umzugestalten gesucht, während Sailer dies im geheimen betreibe.

Dieses schreibe ich nach meinem Gewissen. Er hat mich nie beleidigt, vielmehr hat er stets meine Freundschaft gesucht. C. H.

 

verfasst zwischen dem 26. März und 19. April 1817