"Glühen ist mehr als Wissen"
Zum Gedenken an den Regensburger Domprediger und Homiletiker
Michael Grünwald (1933-1990)

 

von
Domprediger Dr. Werner Schrüfer, Regensburg

 

Dem hl. Bernhard von Clairvaux wird das für die Überschrift ausgewählte Wort zugeschrieben. Es charakterisiert treffend Leben und Wirken des Priesters Dr. Michael Grünwald, der im Regensburg der konziliaren und nachkonziliaren Zeit nahezu 25 Jahre, von 1963 bis 1988, als Dozent in der homiletischen Aus- und Weiterbildung stand. Am 29. April 2000 jährt sich zum zehnten Mal sein Todestag. Als Schüler und Nachfolger möchte ich mit der folgenden Hommage diesen Meister des Wortes würdigen und ihn selbst noch einmal zu Wort kommen lassen.

Geistlicher Mensch und menschlicher Geistlicher (1)

Michael Grünwald, geboren am 13. Januar 1933 in Großgundertshausen, einem alten Pfarrdorf der Hallertau, wuchs in Mainburg auf; seinen Vater, der im Postdienst arbeitete, hatte man 1936 dorthin versetzt. In den ersten Volksschuljahren in Mainburg beeindruckte ihn der Kapuziner P. Hildebert Corbe (*1912), der sein Katechet war: "Er hat in uns Kindern Freude an Gott und Liebe zu Jesus geweckt, weil er selbst diese Freude ausstrahlte. Wir haben ihn nach der Schule oft bis zum Kloster hinauf begleitet. Als ich ihm den Wunsch anvertraute, Priester, ja Kapuziner zu werden, bereitete er mir die Wege. Der Ministrantendienst in der Bergkirche, jeden Tag um 6 Uhr früh, hat sicher in mir die Liebe zum geistlichen Dienst geweckt und gestärkt." 1943 wird Grünwald Schüler am Alten Gymnasium in Regensburg und tritt in das Bischöfliche Studienseminar Obermünster ein. Nach dem Abitur 1952 und zwei Studiensemestern an der Phil. -Theol. Hochschule in Regensburg setzt er, auf Empfehlung von Regens Dr. Karl Hofmann (1904-1991), sein Studium an der Universität Innsbruck fort als Priesterseminarist des dortigen Päpstlichen Kollegs Canisianum. Er hört u. a. die Gebrüder Hugo (1900-1968) und Karl (1904-1984) Rahner sowie den Nestor der kerygmatischen und liturgischen Erneuerung, Josef Andreas Jungmann (1889-1975). Am 29. Juni 1959 empfängt er aus der Hand von Erzbischof Michael Buchberger (1874-1961) in Regensburg die Priesterweihe. Über seinen Primizspruch "Im übrigen, Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird" (2 Thess 3,1) schreibt Grünwald später: "Im Blick auf mein Leben als Priester hat sich mein Primizspruch in ungeahnter Weise als Leitwort meines Dienstes erwiesen." Der Neugeweihte, den seine Vorgesetzten als einen Mann von "echtem seelsorglichem Interesse" beurteilen, wird Kaplan in der Diasporagemeinde Wunsiedel, erfahrungsreiche Jahre, in denen er mit reformatorischem Gedankengut konfrontiert wird.

Zum 1. Oktober 1963 beruft man ihn als Präfekt und Dozent für Homiletik und Sakramentenpastoral ins Regensburger Priesterseminar. An sich und andere hohe Maßstäbe setzend, versuchte Grünwald, menschlich vorbildlich und spirituell fundiert, lauter in seinem Auftreten und mit klarer theologischer Positionierung, sein Verständnis vom Priestersein an die Alumnen weiterzugeben. Der priesterliche Dienst war für ihn "Deutedienst der Wahrheit christlicher Offenbarung" und jeder Berufene und Geweihte hatte sich als persönlich Beanspruchter dieser Sendung zu stellen. Nicht so sehr um Stellvertretung kann es dabei gehen, sondern um repräsentatio Christi. Der junge Präfekt machte auf sich aufmerksam mit seiner Konzentration auf das geistlich-theologisch Wesentliche, mit seiner besorgten Liebenswürdigkeit, die er auch den Studierenden entgegenbrachte, die im nicht problemlosen Seminaralltag der Vor- und Nach-68er-Zeit nachfragten und aufbegehrten. Wenn er der Eucharistiefeier vorstand, spürte man, dass die Liturgie feiernder Höhepunkt seines gesamten Lebens war, tiefster Vollzug seiner Beziehung zum Gekreuzigt-Auferstandenen: "Darauf kommt es an, dass einer Priester sein und priesterlichen Dienst tun darf: auf das Mehr der Liebe zum Herrn. Je größer das Amt, um so eindringlicher die Frage und um so größer das Mehr... Wer in der Kirche nur etwas Nützliches tun will, wer Seelsorger sein wollte, weil ihm das gefällt, ohne sich in dieses Mehr der Liebe, in diese größere Liebe rufen zu lassen, wäre im Grund nur ein Kirchenangestellter ... Wir werden in dieser Welt nichts Neues entzünden, wenn wir nicht in der persönlichen Liebe zum Herrn Jesus Christus brennen." (2) Für Grünwald war es nur konsequent, dieses Mehr an Liebe zu Christus gerade im Gebet und Gottesdienst feierlich und mit großer Intensität zu verwirklichen, auch wenn ihm bei diesen - salopp formuliert - spirituellen Höhenflügen so mancher Seminarist die mitfeiernde Gefolgschaft versagte. (3)

Freilich, am hohen Respekt, der ihm entgegengebracht wurde, änderte dies nichts. Wie damalige Alumnen ihren Präfekten beurteilten, schildert ein 1965 verfasstes Gedicht:

"In der geistlichen Spitze der jüngste im Amt
durch seine Amtsblattpredigten (4) dem letzten Pfarrer bekannt
vertritt er im Hause echte Innsbrucker Spiritualität
aus seiner Umgebung höchstes Gedankengut uns weht
vielen Mitbrüdern ist er überlegen weit
ich wage zu sagen - ein Thomas unserer Zeit
so wirket der Prä - als tüchtigem Streiter
winkt ihm gar bald die hierarchische Leiter."

Es gelang Grünwald während seiner Zeit als Seminarvorstand - im August 1968 wurde er zum Subregens ernannt -, seine Studien zu vervollständigen. Mit Datum vom 20. Dezember 1969 wurde er von der Theologischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck zum Doktor der Theologie promoviert; seine - leider unveröffentlichte und nicht rezipierte (5) - Dissertation beschäftigte sich mit einem Spätwerk des Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466/67-1536): "Der ,Ecclesiastes' des Erasmus von Rotterdam. Reform der Predigt durch Erneuerung des Predigers". In dieser Arbeit ging es darum, Rolle und Bedeutung des Erasmus für die Lehre von der Predigt zu untersuchen und wertzuschätzen. Mit Grünwalds Studie gelang es, Erasmus als großen Theologen und Kenner der Kirchenväterliteratur in die Predigtarbeit zurückzuholen, war er doch durch die Indizierung sämtlicher Schriften durch Papst Paul IV. (1555-1559) ins Abseits geraten. Erasmus entwickelte eine biblische Theologie des Predigtamtes und versuchte, die antike Rhetorik für die Verkündigung fruchtbar zu machen. Grünwald würdigt den großen Humanisten als einen Theologen und Anwalt des Menschlichen, der den Menschen "durch die Erschließung und Verkündigung des Evangeliums nach dem Bilde Christi formen will". (6)

Zum 1. Oktober 1971 wird Michael Grünwald Domprediger, Anfang 1972 Domvikar, Domzeremoniar sowie Subkustos, Aufgaben, die er bis zu seinem Tod innehaben wird. Mit der Übernahme der Domprädikatur tritt Grünwald in die in Regensburg seit 1481 bestehende Tradition ein, in der Kathedrale und im ausdrücklichen Auftrag des Bischofs das Wort Gottes zu verkünden'. "Das ist die Aufgabe, jeden Sonn- und Feiertag im Dom zu predigen, eine schöne Last- beides-, aber auch eine große Chance, Menschen zu erreichen. Von Frühjahr bis Herbst viele Zuhörer, regelmäßige und gelegentliche, besonders Touristen." Unzähligen begegnete er nun in der Kunst der Rede und sie erlebten einen Prediger, der sich, weil er sich vollständig mit diesem Amt identifizierte, herausfordern ließ von der ihm aufgetragenen Botschaft, vom Dialog mit den Hörern, von der Faszination des Wortes. Auch wenn noch andere Aufgaben auf ihn zukamen - im Februar 1974 wurde er Diözesanbeauftragter für das Ständige Diakonat, kurzzeitig übernahm er in den 80er-Jahren den Lehrauftrag für Homiletik an der Universität Regensburg, er war gesuchter geistlicher Berater und viel beanspruchter Exerzitienmeister, so mancher Aufsatz stammte aus seiner Feder (7), die Öffentlichkeit kannte ihn als d e n Domprediger. Äußere Ehrungen wie die Ernennung zum Monsignore (1979) und 1986 zum Prälaten freuten ihn zwar, aber sein inneres Wesen berührten sie nicht.

Zeit seines Wirkens war sich Grünwald bewusst: Wer Priester sein will, muss in der Sendung Jesu Christi stehen. Er kann nicht unbeteiligter Verwalter einer Aufgabe sein. "Das Christentum ist im Innersten keine Lehre, sondern ein Verhältnis, keine Weltanschauung, sondern Liebe zum Du Jesu Christi. Wir stehen und fallen als Christen mit unserer persönlichen Liebe zu Jesus Christus." Es gilt, Christus ähnlich zu werden in dessen gekreuzigter Liebe. Der Priester muss wissen, dass er immer vor dem brennenden Dombusch der Leidenschaft Gottes steht. Zu dieser Erkenntnis stand Grünwald kompromisslos. Er wusste sich gerade darin dankbar verbunden mit Bischof Johann Michael Sailer (1751-1832), dessen Grab im Südchor des Regensburger Domes er oft besuchte. Auch Sailer denkt nicht "vom gesellschaftlichen Nutzen her, sondern vom Heilsdienst Christi her, den die Kirche und der Priester für den Menschen verkörpern. Damit verlegt sich bei Sailer das Verständnis des Priesters von der Funktion auf die Person, vom Dienst auf die Persönlichkeit, vom Nutzen auf das Geistliche". (8)

Wie Sailer reklamierte Grünwald die menschliche Dimension im Leben eines Geistlichen: "Wir können nicht fromm genug sein. Wir können uns nicht fest genug an Gott binden. Aber der Hochbau der Frömmigkeit bedarf des Fundaments des Menschlichen, sonst fällt es zusammen oder schaut die schlechte Laune zu allen seinen Fenstern heraus. Das steht gegen Gott und seine Absicht mit uns. Gott will keine Schablonen, die er entworfen hat. Wir müssen reife Menschen werden, um strahlende Christen zu werden." Einzig Geistliche, die menschlich agieren, sind glaubwürdige Zeugen Christi'. "Wir sind nur glaubhaft, wenn die neuen Heiden an uns ablesen können, wie der Herr gewesen ist: so menschenfreundlich, so herzlich, so großzügig, so klar und entschlossen." (9) Dieses Postulat nach echter und praktizierter Menschlichkeit bildet die entscheidende Grundlage für gelingende Seelsorge, die darauf basiert, dass sich der Seelsorger selbst gefunden hat. "Wir brauchen Mut, uns selbst anzunehmen. Ob einer Pfarrer oder Bischof ist, ist nicht wichtig; das Gelingen unserer Existenz ist entscheidend. An unserer Menschwerdung entscheidet sich, wie die Predigt wird." (10)

Theologisches Profil: Der Mystagoge

Während seiner Studienjahre in Innsbruck begegneten Grünwald nicht nur Koryphäen theologischer Wissenschaften, er durfte Bekanntschaft machen mit der sog. "Verkündigungstheologie" oder "kerygmatischen Bewegung" (11) Ihre Vertreter, allen voran Josef Andreas Jungmann, kritisierten eine erstarrte Schultheologie, beklagten die immer größer werdende Kluft zwischen Wissenschaft und Verkündigung sowie die Dürftigkeit der Aussagen in Predigt und Katechese. Grundanliegen dieser Bewegung war es, Theologie als Verkündigung der biblischen Heilsbotschaft zu begreifen, durch die Gott selbst die Hörer unmittelbar trifft und die Antwort von Umkehr und Glaube hervorruft, das alles inmitten einer sich versammelnden Kirche, die somit anfanghaft Reich Gottes verwirklichen hilft. Das Kerygma also, die autoritative Verkündigung des Heilsereignisses in Jesus Christus, sollte nun im Mittelpunkt kirchlichen Geschehens stehen. Hellsichtig erkannten die "Verkündigungstheologen", dass die Wiederholung des scholastischen Formelkanons für eine zeitgerechte Verkündigung ungenügend sein müsse; vielmehr sollte das Ganze des Glaubensgeheimnisses als ereignishafte Vergegenwärtigung präsent werden. In der Wortwahl Grünwalds bedeutete dies, "Christus ins Angesicht hinein zu glauben"' denn "es ist das realistische Rechnen mit dem verborgenen Geheimnis Jesu Christi, das die Welt trägt... Es bedarf aufs ganze nicht so sehr der Belehrung über Christus, sondern der Erfahrung Christi... Das geht nur, wenn die Kirche zum Sakrament der Christusbegegnung, besser: der Christuserfahrung wird." (12)

Was bis in die 50er-Jahre an- und vorgedacht wurde, fand Niederschlag in verschiedenen Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils, in erster Linie in der Liturgiekonstitution, die zur Magna Charta des Liturgen und Homileten Grünwald wurde. Mit leidenschaftlichem Eifer griff er die konziliaren Anliegen auf: Gottes Wort vergegenwärtigt sich im Verkündigungsgeschehen, es hat Heils-, Erbauungs- und Dialogcharakter, das alles eingebettet in eine Liturgie, die Belebung und Wachstum des Leibes Christi, ist. (13) Noch während im Herbst 1963 die Konzilsväter um den Text über die Constitutio "De sacra liturgia" rangen, machte sich Grünwald Notizen: Es genügt nicht mehr, die Messe zu lesen oder zu hören, denn was wir heute haben, ist eine "verbaute Messe", die der heutige Mensch nicht mehr versteht und nur mehr "museale Wirkung" erzielt. Die Erneuerung der Welt von Kreuz und Auferstehung her muss vom Altar aus geschehen. "Auch müssen wir aus der Vereinsamung heraus, die sich über die Kirche gebreitet hat." (14)

Daher ist es an der Zeit (15), ein Grundverständnis der Eucharistiefeier zu entwickeln. Im Ernstnehmen des Art. 7 der Liturgiekonstitution, der feststellt, dass Christus gegenwärtig inmitten der gemeindlichen Versammlung ist, gilt es "glaubend zu realisieren, dass die Eucharistiefeier ein epiphanes Geschehen ist, das der Herr durch uns vollzieht". Gerade auch im Wort feiert die Kirche die Gegenwart ihres Herrn. Im Evangelium begegnet Christus seinem Volk. "Predigt ist deshalb nicht bloß Christliches beinhaltende Rede, sondern im tiefsten Sinn Spruch des Herrn selbst in kirchlicher Verlautbarung." Der Prediger wirkt daher einen unverzichtbaren "Dienst an der Begegnung zwischen Christus und seiner Gemeinde". Grünwald wurde nicht müde, in zahllosen Vorträgen, Gottesdiensten und Konferenzen dieses vertiefte Verständnis von Eucharistiefeier und Wortverkündigung vorzustellen und zu erläutern. Sein Appell galt auch den Konsequenzen: Wenn Christus durch Wort und Sakrament in die Mitte der Gemeinde tritt, dann wird Ostern gefeiert, dann entsteht christozentrische und geschwisterliche Kirche, dann sind alle zum Zeugnis für Christus in die Welt gesandt, dann hat sich jeder Mitfeiernde selbst im Opfer mitdarzubringen, dann verherrlichen alle und jeder mit Christus den himmlischen Vater. Und er erhob genauso drängend seine mahnende Stimme, nicht bei Äußerlichkeiten stehenzubleiben. "Ein reformierter Betrieb nützt nichts." Ein gutes Jahrzehnt nach Konzilsende sagt er in einer Dompredigt: "Vielleicht hat die Kirche insgesamt noch gar nicht den Kern der Konzilsaufgabe verstanden. Es wurde viel gearbeitet an Strukturen und Gottesdienstreformen. Das war unerlässlich und überfällig. Der Blick muss weitergehen, viel weiter. Es geht um die Versammlung der Kirche im Namen des Herrn Jesus Christus." (16) Einzig dann wird evangeliumsgemäße Wandlung möglich, wenn sich alle diesem Geheimnis Gottes in Christus überlassen. Nützliche Anweisungen in Lehre und Disziplin, trockene religiös-soziale Strategien zur Verbesserung der Welt helfen nicht.

Wir nähern uns dem Profil, mit dem Sein und Wirken Grünwalds sichtbar wird; noch einmal führt die Spur nach Innsbruck. Nach Karl Rahner (17), dessen Konzeption vom Geheimnis als ursprünglicher Name Gottes die Idee förderte, Mystagogie zum Leitmotiv der Pastoral werden zu lassen, bedeutet mystagogisches Handeln ein Aufdecken der verborgenen Erfahrung Gottes in der menschlichen Existenz. Diesem Aufdecken, diesem "Geleit in die Geheimnisse" Jesu Christi fühlte sich Grünwald verpflichtet'. " Lieben wir Christus, wie es ihm gebührt? Ich glaube, wir leben eher wie solche, die das schönste Geschenk in Händen halten und es nicht aufschnüren. Es wurde uns schon in die Wiege gelegt. Wir haben es hingenommen. Aber haben wir es angenommen?" (18) Als Mystagoge wollte er, dass in allen Ständen der Kirche die "geistlichen Ich-Anteile" hervortreten. In diesem Sinn verstand er auch seine - unveröffentlichten -mystagogischen Entwürfe zum Weihesakrament, die noch heute während der Priesterweihe im Regensburger Dom gelesen werden und das feierliche Geschehen einführen und begleiten. In ausdrucksstarken Bildern und theologischen Metaphern verstand es Grünwald, gleichsam die Gemeinde an die Hand zu nehmen, ihr ihre innerste Berufung aufzuschließen und zu Christus, "den Hirten der brennenden Sorge", zu führen. Denn die Kirche "darf nicht weltlicher werden, wie seit Jahren gefordert wird; sie muss gekreuzigter werden".(19)

Wie sehr ihm diese Aufgabe ans Herz gewachsen war, zeigt sein letztes, noch von ihm vollständig verantwortetes Buch "Eucharistie feiern. Eine geistliche Anleitung für Priester". Im Vorwort, das direkt an seine Mitbrüder gerichtet ist, heißt es: "Ich will Ihnen vielmehr das Göttliche im Innern des Sakramentalen, das Geistliche im Liturgischen andeuten, damit Sie immer tiefer in dieses Innere eintreten und Ihre Gemeinden über die Schwelle führen können ... Dieser Überschritt ist für uns und die Kirche entscheidend. Durch ihn werden wir immer mehr, was wir sind, und wird unser Dienst immer mehr, was er sein soll: geistlicher Dienst." (20)

Die Bedeutung des mystagogischen Vollzugs für den Prediger hat Grünwald so beschrieben: "Ein Ausplaudern von theologischem Wissen genügt nicht. Wer verkündigt, muss mehr erfahren haben als seine Zuhörer. Glauben kann nur durch Glaubende, nicht durch Wissende geschehen." (21) Und er weiß, dass Mystagogie primär im Transparentwerden geschieht: "Ich habe mich als Prediger nur zur Verfügung zu stellen, dass er das macht, was ich nicht kann. Ich muss Gott sich selber sagen lassen. Ich muss meine Worte ins Feuer des Gebetes halten, bevor ich sie sage. Ich muss mich beim Reden innerlich offenhalten, damit in meinem Wort immer weniger ich und immer mehr er zur Sprache kommt. Dann kann es geschehen, dass ihnen durch meine Predigt mehr gesagt wird, als ich ihnen sagen kann. Das ist meine geistliche Aufgabe im Vorgang der Verkündigung." (22)

Theorie und Praxis der Verkündigung

Den Hörern seiner Homiletik-Vorlesung (23) war schon nach wenigen Sätzen bewusst, dass Grünwald seine Disziplin auf fundierte und durchdachte theologische Reflexion aufbaute. Ein vorschneller Pragmatismus, der die Homiletik zur oberflächlichen Anwendungslehre degradierte, versehen mit ein paar erfahrungsträchtigen Ratschlägen, konnte ihm nicht genügen. So baute er seine Überlegungen in ein Gesamtkonzept der Pastoraltheologie ein, überzeugt davon, dass gerade in diesem theologischen Fach, das die heilsökonomische Aufgabe der Kirche in die Welt von heute hinein zu bedenken habe, die entscheidenden Problemstellungen zwischen Theologie und Anthropologie ausgetragen werden. Praktische Theologie, somit auch die Homiletik, muss beides kennen und reflektieren: das Mysterium der Kirche, das nur in einem geschehenen, d. h.' praktischen Verhältnis zu Jesus Christus verwirklicht werden kann, und den Menschen, der gerade in gegenwärtiger Zeit von einer "radikalen Anthropozentrik des Denkens" umfangen wird.

Auf welche Inhalte legte Grünwald besonders Wert? Homiletisches Bemühen muss ihr Augenmerk auf die Predigt als menschlichen Kommunikationsvorgang richten. Der Redner (Prediger) ist bemüht, dem Hörer eine Nachricht zu vermitteln. Sprachliche Kommunikation, vollzogen im Wort und Symbol, geschieht nie nur technisch-objektiv, sondern immer in Beziehungen. Da der Prediger wissen muss, dass die Beziehungs- die Inhaltsebene bestimmt, hat er innerhalb der Gemeinde als vorrangige pastorale Aufgabe Beziehung zu stiften. Die landläufige Theologenmeinung, dass allein der Inhalt der Predigt exakt sein muss, ist zu relativieren. Wenn die gemeindlichen Beziehungen gestört sind, kann der Inhalt nicht oder nur verzerrt ankommen. Ein Vergleich mit der Methode Jesu zeigt - beispielsweise an der Zachäus-Perikope -, dass seine Sorge um den Menschen eingebettet war in den primär zu setzenden Versuch, Beziehung zu stiften, und zwar "im Aufleuchten Gottes und seiner Liebe. Wo die Menschen nach der Predigt ärmer, verwirrter und freudloser geworden sind, dann ist falsch verkündigt worden". Die Botschaft wird nur dann richtig ankommen, wenn das Beziehungsmoment stimmt.

Was den Tatcharakter der Kommunikation betrifft, versuchte Grünwald aufzuzeigen, dass die damalige gesellschaftliche Tendenz, das Ende der Kontemplation einzuleiten, von der kirchlichen Verkündigung beachtet und thematisiert werden muss. Die Welt wird nicht gesehen oder betrachtet, sie wird heute angegriffen, ja vergewaltigt. "Verum quia factum, Wahrheit ist, was von mir gemacht wird." Wie soll in einer Welt, die zur Materialgrube und der Mensch zum homo faber degradiert wird, das Christusgeheimnis erzählt werden, in dem beides, Wort und Tat, geschehen ist? Stets soll, was Gottesdienst und Predigt angeht, der Vorrang der Kontemplation vor der Aktion gelten, da christliche Existenz der Rückbindung an das Wort bedarf. Die sinnstiftende Kraft des Glaubens, die sich im Dank und Lob Gottes ausdrückt und daraus den Akzent zu Tat und Aktion vollzieht, muss im Mittelpunkt der Predigt stehen. Moral und Aktivität bilden Konsequenzen, aber nicht das Wesentliche. "Wie oft wurde eine Frömmigkeit begünstigt, die nicht wesentlich war! Hat uns die Predigt der Vergangenheit nicht zu stark an Lehren und Gebote - richtige Lehren und Gebote - gebunden, statt an den Herrn selbst? An den Rand statt an die Mitte?... Ob wir nicht zu viel die Moral eingepaukt haben statt sie zur Freude an der Liebe Christi zurufen... Wir können mitten im Christentum Christus verfehlen. Täuschen wir uns nicht. Wir sind immer noch Juden." (24)

Zur Normenbindung der Verkündigung ist und bleibt für die Predigt die Kirche der Geltungsraum, in der sich Normatives konkret realisieren kann. In Berücksichtigung des "hermeneutischen Zirkels" ist die Kirche Empfängerin und Trägerin der Schrift zugleich, was eine stete Zurückverwiesenheit des kirchlichen Tuns mit sich bringt. Die Hl. Schrift ist autoritative Norm der Verkündigung, da sie über der Kirche steht. Grünwald würdigt die Konzilsaussagen, wenn er feststellte: "Alle legitimen Formen der Predigt haben von der Schrift aus zugehen. Die Schrift bleibt die inhaltlich -kritische Norm der Predigt. An der Schrift ist zu messen, ob es christliche Predigt ist." Als weitere Normen nennt der Domprediger Bekenntnis und Dogma, da sich in ihnen die Glaubenseinsicht entfaltet, das Lehramt der Kirche und die "lebendige Glaubensgemeinschaft" die sichtbar werden lässt, dass Glaube in seiner katholischen Weite sich immer auch am konkreten Ort ereignet. "Wir müssen uns auch an den Glauben der kleinen Leute halten."

Neben den kommunikativen Aspekten hat die Homiletik die geistlichen Prozesse im Verkündigungsgeschehen zu beachten. Für Grünwald ist Predigt, die Spur des Konzils aufgreifend, "Anrede des Herrn an seine Gemeinde". Er unterscheidet: Predigt im Gottesdienst ist kirchliches Christusgedächtnis. Im Gottesdienst wird die Schrift wieder zum Wort, sie wird im Hier und Heute in Kraft gesetzt. Wer eine Perikope liest, verkündigt. Da Gottesdienst immer auch Gedächtnis des Herrn ist, vollzieht sich das Wortgeschehen dieses Gedächtnisses anamnetisch. Es geschieht eine Aktualisierung der Urverkündigung durch Bezeugung; Predigt ist somit Bezeugen, Weitergabe und Auslegung im Heute. Zum anderen ist gottesdienstliche Predigt "wirksame Christusgegenwart". Ausgehend von der dogmatischen Konstitution "Dei verbum" des Zweiten Vatikanums (Art. 6), in der von der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus gesprochen wird, muss das Christentum in seinem Wesen Selbstmitteilung sein. Diese ist ein freies Wollen Gottes, nicht ein Ausbessern menschlicher Fehler. Die gottesdienstliche Predigt gehört zu den Orten, in der sich dieses Geschehen immer wieder ereignet. Daher ist die in der Predigt ausgelegte Schrift "keine Mitteilung von Sachverhalten, sondern von Christus selbst". Diese Selbstmitteilung hat Wirkung: "Entscheidend, dass sich die Predigt auswirkt, ist das Postulat, dass es auf unsere Disposition ankommt in Glaube, Hoffnung und Liebe. Unsere Aufgabe ist Annahme." Die Wirkung dieser Selbstmitteilung Gottes ist er, Christus, selber, der Geber ist zugleich die Gabe. Dabei kann von einer inneren und äußeren Seite dieser Wirkung gesprochen werden. Im Innern werden in der Predigt Sünden vergeben, da eine derartige Verkündigung die Gottesferne deutlich macht, zugleich aber auch die Bereitschaft der Umkehr. Auch geschieht in der Predigt Rechtfertigung und Heiligung. Zur äußeren Seite ist zu sagen, dass durch die Predigt (nach Joh 3,18) Kirche gegründet und gebildet wird; Menschen werden im Wort zu einer eschatologisch ausgerichteten Gemeinde versammelt, die Gottes Wirken rühmt, sich selbst aber unter seinem Richterspruch Stehend erkennt.

Die zusammenfassende Definition der Predigt, die Grünwald in seiner Vorlesung bot, zeigt ihn als einen aufmerksamen Beobachter und kundigen Interpreten der homiletischen Tendenzen der vor- und nachkonziliaren Zeit. (25) Predigt ist ein "bezeugendes, auslegendes Weitersagen der apostolischen Predigt für heute in Mission und Gottesdienst als den grundlegenden Wesensvollzügen der Kirche. Darin ist Christus selbst gegenwärtig und wirkt Gottes Selbstmitteilung als Heil und Gericht in eschotologischer Bereitung der Menschheit und der Kirche auf seine Parusie hin". Die Volksausgabe dieser Definition lautete, so in einem von ihm verfassten Exposé: "Predigen heißt: Zum Glauben an Christus rufen und helfen, die Antwort des Glaubens zu geben und aus dem Glauben zu leben."

Wer Michael Grünwald predigen hörte, oder besser erlebte, spürte, mit welcher leidenschaftlichen Intensität er seine Berufung praktizierte. Er fühlte sich als "Anführer des Dialoges, der Christus miteinbezieht. Der Prediger muss den reinigenden Spiegel des Glaubens anführen". Der Auftrag zur Verkündigung schließt das "In-Frage-Stellen" des Redners wie der Zuhörer mit ein. Zutiefst überzeugt, dass ein Zusammenhang zwischen Interesse und Aufbau besteht, beschäftigte ihn die Frage nach Aufbau und Struktur der Predigt. In bewusster Abkehr von einer lehrhaften Verkündigungsmethode, die dem klassisch-rhetorischen Predigtaufbau (Stichwort: Deutschaufsatz) huldigte, übernahm Grünwald die Anregungen der Lernpsychologie; sein Predigen war Lernprozess, konsequent durchgehalten im gesprochenen und verschriftlicht-veröffentlichten Wort. Es galt "Hoffnung einzuüben" im Heute. Für die praktische Predigterarbeitung bedeutete dies unverzichtbar ein doppeltes Hören auf das Wort Gottes in Meditation, Gebet und Exegese, um Kerygma und Paränese ("vom Indikativ zum Imperativ") der Perikope zu erarbeiten, und auf das "Horchen in die Gemeinde", so dass eine Aktualisierung geschieht. Dieser Weg zum Hörer kann nur über die Kenntnis des konkreten Menschen gehen, sensible Zeitzeugenschaft des Predigers in allen Lebensbereichen ist unverzichtbar. "Das Pfarrhaus des Predigers ist die Gemeinde." Von daher wird verstehbar, dass Grünwald den angehenden Seelsorgern aufmerksame Gesprächskultur empfahl ("reden und ausreden lassen"), er ihnen das Erspüren von gesellschaftlichen Trends ans Herz legte, von kulturellen Aktivitäten aller Art ganz zu schweigen. Er sorgte sich um den weit verbreiteten Mangel an Kreativität und hörte nicht auf, das bisoziative und anschaulich-emotionale Moment in der Predigtarbeit einzufordern. Dass das Evangelium ein "werthaftes Angebot" ist, in dem kein Geringerer als Christus aufscheint, muss erlebbar werden, eingebracht mit der Frage: "Wie kann ich geistliche Vorgänge zugänglich machen?"

Lernpsychologische Predigtarbeit braucht Zeit, in Vorbereitung und Durchführung. Die Kritik an der Länge seiner Predigten ließ Grünwald unbeeindruckt. Für ihn war Predigt nie etwas Beliebiges, schnell Verfügbares und Persolvierbares, nie ein gottesdienstliches Zwischenspiel, das in ein zeitliches Korsett hineingepresst werden darf, Verkündigung bot Sonntag für Sonntag die kostbare Chance, Menschen auf die Spur Christi zu geleiten, ihnen den Glanz und die Herrlichkeit des Christseins ins Herz zu legen. Und er verstand es, mit seiner ausdrucksstarken und rhetorisch versierten Redeweise seine Hörer in Bann zu ziehen, gerade auch durch die Fähigkeit, Erfahrungen, Ereignisse, Geschichte und Geschichten sowie literarische Zeugnisse anschaulich und personennah aufzuschließen.

Im August 1974 wandte sich der Domprediger an den Regensburger Verlag Friedrich Pustet. "Viele Zuhörer drängen mich immer wieder, ihnen meine Predigten schriftlich zur Verfügung zu stellen. Darum habe ich vor, sie zu veröffentlichen." (26) In einer Auflage von insgesamt über 22 000 Exemplaren entstand eine sechsteilige Buchreihe, konzipiert nach den neutestamentlichen Lesungen und Evangelienperikopen der drei Lesejahre. (27) Die bis 1986 erschienenen Predigten machten Grünwald einem deutschsprachigen Publikum bekannt. Auch hier stand das pragmatische Motiv, den Seelsorgern eine Fundgrube zur Predigt an die Hand zu geben, im Hintergrund. Die Texte sollten "aufhorchen lassen, zum Nachdenken stimmen und Kraft zur inneren Wandlung vermitteln" (28) Vielen dienten sie als meditative Einstimmung zum Sonntag; ihr Grundanliegen war mystagogisch: Hinführung zur persönlichen Begegnung mit Christus. (29)

Die heute vergriffenen Predigtsammlungen zeigen auch die Zeitbedingtheit der Grünwaldschen Verkündigung. Überaus deutlich wird das kirchliche Ringen um konkrete Übersetzung der konziliaren und synodalen Vorgaben, hinein in die Gemeinden vor Ort; kritisch sieht der Domprediger manch geistlosen Aktionismus. Neben der schon erwähnten Auseinandersetzung mit damals virulenten philosophischen Strömungen veröffentlicht sich ein Prediger, der jedweder Transzendenz- und Gottlosigkeit eine scharfe Abfuhr erteilt. Die Angriffe des "Spiegel" gegen Kirche und Glaube, das kurzsichtige Durcheinanderwerfen, ja Zerstören von gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen durch die 68er-Generation, das tiefe Misstrauen gegenüber der menschenverachtenden Hybris der Diktatoren und Revolutionäre (Stichwort: Antikommunismus), und eine manchmal sehr deutliche Kritik an einer Kirche, die sich in Verwaltung, Bürokratie und Diplomatie (30) festzufahren droht, durchziehen signifikant viele Entwürfe.

Lebenslied

Der Glaube des Dompredigers war weit entfernt von jener gegenwärtigen Tendenz, Christsein zur Wohlfühl-Religion umzufunktionieren. "Früher oder später kommt im Glauben der Moment, wenn wir in jenes Rosinenbrot hineinbeißen, und das, was wir für eine Rosine hielten, stellt sich als kleiner Kieselstein heraus." (31) Dieser eingängige Vergleich mit der Rosine und dem Kieselstein, auf den zu beißen bekanntlich sehr schmerzhaft ist, lässt erahnen, welchen Kreuzweg Grünwald in den letzten Lebensjahren zu gehen hatte. Das Kreuz, von dem er sagte, dass es in seinen Durchkreuzungen "immer nur ansichtig gemacht" (32) werden kann, zeigte sich bei ihm in der Gestalt einer schweren Krebserkrankung. Ein jahrelanges Ringen wurde ihm abverlangt, mehrere Operationen hatte er durchzustehen, bis sich sein Weg unweigerlich "nach unten zu wenden" begann. (33)

In einem sehr persönlich gehaltenen Abschiedsbrief versuchte er seine Lebenslinien als Prediger mit den Lebenslinien Jesu zu verknüpfen: "Ich gehe mit dem Herrn - hinaus. Gerne hätte ich weiter gepredigt, sehr gern. Vielleicht ergeht es mir darin auch wie ihm. Die Predigt, das Vergeben, das Heilen war sein Leben wie meines. Aber seine Predigt ging auf das Leiden hinaus, sein Reden auf das Verstummen, sein Wirken auf das Lieben. Jesus hat am lautesten gepredigt, als er verstummte und nur mehr dahing, hingegeben an den Vater für uns Menschen, beladen mit der Sünde und dem Unglück der Welt, weil Gott in seiner Liebe zur Menschheit so weit gehen wollte. Darum ist mir mein Geschick innerlich nicht fremd, so gern ich leben und wirken möchte." Sein niedergeschriebener Rückblick greift die Theodizeefrage auf, die er in der Gebrochenheit dieser Welt zu orten versucht, zugelassen von Gott, vom Menschen letztlich nicht zu erfassen. "Es ist nicht wahr, dass Gott Krankheit schickt. Sie kommt nicht von ihm. Sie kommt aus dem Zustand dieser Welt. Er lässt sie zu. Ich weiß nicht, warum. Ich kann meinen Weg als Weg mit dem Herrn nur verstehen, wenn er nicht nur gekommen ist, um die Sünde aufzuheben, sondern, um in seiner Menschwerdung das menschliche Geschick überhaupt zu übernehmen. Diese Einsicht hat es mir möglich gemacht, mich in der Nachfolge Jesu zu wissen, mit ihm berufen zu sein. Sünde und Unsinn auszuleiden." Der paulinische Philipperhymnus (Phil 2,6-11) wird sein "Lebenslied". Auch in den Stunden und Tagen der Krankheit weiß er sich in der Verantwortung des Rufes Jesu, dessen Mysterium darin bestand, für uns gebrochen zu werden.

Grünwald ging mutig und zuversichtlich diesen Kreuzweg. Die Frage nach dem Warum dieses Leidens wollte er Gott nicht stellen, auch nicht später in der Begegnung mit ihm im Reich Gottes. Den Abschiedsbrief durchweht sein tief empfundener Dank, im Priesterberuf glücklich geworden zu sein. "Gott hat mich in meinem Leben reich beschenkt ... Christus hat mich nicht nur in seine Sendung aufgenommen, sondern in seine Freundschaft gerufen ... Es hat mich erschüttert und glücklich gemacht, dass er durch mich redete und handelte." in diesen Dank gehört vorrangig die Sendung, die die Kirche ihm übertragen hatte und die wir mystagogisch nennen: Junge Menschen "auf den Freund Jesus Christus hinweisen. Ich wollte ihnen helfen, geistliche Menschen zu werden."

Am 29. April 1990 stirbt Domprediger Dr. Michael Grünwald im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Regensburg. Im Familiengrab auf dem Mainburger Friedhof findet er seine letzte irdische Ruhe. Gemäß seiner Anordnung schmücken den Grabstein neben Namenszug und Lebensdaten nur die Worte: "Priester Jesu Christi." Das war er mit der ganzen Glut seines Herzens in der Hingabe zu Christus, dem er sich im Leben und Tod verbunden wusste. Und dass er das war, danken ihm viele.

Anmerkungen:

  1. Zum Folgenden, wenn nicht anders vermerkt: Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg (BZAR), Personalakt Michael Grünwald, Sign. 5497; BZAR, Nachlass Michael Grünwald (unverzeichnet).

  2. BZAR, Nachlass Grünwald, Primizpredigt für Heinrich Weber, Furth im Wald, 13. Juli 1986.

  3. Dass das Motiv des Nicht-Verstanden-Werdens sein ganzes Lehen begleitete, belegt die Aussage im Abschiedsbrief (siehe unten): "Oft habe ich darunter gelitten, dass so wenige verstanden, dass viele, auch in der Kirche, nicht ins Innere des Lebens mit Gatt eintraten. Es hat mir auch weh getan, wenn mein Anliegen nicht begriffen wurde."

  4. Michael Grünwald, Was geschieht in der hl. Liturgie? Predigten über die hl. Liturgie nach der Constitutio "De sacra liturgia", o. O., o. J. Diese insgesamt sieben Predigten über die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums (den Dekretnamen nach den Anfangsbuchstaben "Sacrosanctum Concilium" zu zitieren, war noch nicht Praxis, deshalb die heute ungewöhnliche, aber ursprüngliche Bezeichnung "De sacra liturgia" verfasste Grünwald 1964; sie wurden als Anhang im Amtsblatt der Diözese Regensburg veröffentlicht. Siehe unten.

  5. Die Erasmusliteratur nach 1970 nimmt auf Grünwald keinen Bezug. Selbst bei Peter Walter, Theologie aus dem Geist der Rhetorik. Zur Schriftauslegung des Erasmus von Rotterdam, Mainz 1991, der sich eingehend mit dem "Ecclesiastes" beschäftigt, findet seine Dissertation nur einmal, Seite 103, Anmerkung 554, Erwähnung, ohne weiterführende Wertung.

  6. Michael Grünwald, Der "Ecclesiastes" des Erasmus von Rotterdam. Reform der Predigt durch Erneuerung des Predigers (Masch. Diss), Innsbruck 1969, 231.

  7. Beispielsweise: Vorschlag zur Einführung der neuen Taufliturgie, in: Praedica verbum 79 (1974), 425-427; Leben aus dem Anfang, in: Christ in der Gegenwart 31 (1979), 301f.; Das Thema der Weltgeschichte, in: Christ in der Gegenwart 32 (1980), 145 f.

  8. Michael Grünwald, Geistlicher Mensch und menschlicher Geistlichen Johann Michael Sailer als Prediger, in: Regensburger Bistumsblatt 51 (1982), Nr. 16, 8f, Nr. 17, 6f, hier 9.

  9. Grünwald, Was geschieht, 9.

  10. Zitiert aus: Private Varlesungsmitschrift 1979-1981.

  11. Zum Folgenden: Art. Kerygma, II. Systematisch-theologisch, III. Praktisch-theologisch, in: LThK3, Bd. 5, 1409f.

  12. Michael Grünwald, Ich will dir nachfolgen, Herr. Verkündigung im Regensburger Dom, Lesejahr C, Regensburg 21979, 87; ders., Bibel und Predigt (unveröffentlichtes Manuskript), Regensburg 1968, 1 f.

  13. Vgl. Jakob Baumgartner, Das Verkündigungsanliegen in der Liturgiereform des II. Vatikanischen Kanzils, in: Theologische Berichte VI, Zürich - Einsiedeln - Köln 1977, 123-165, 123-133.

  14. Grünwald, Was geschieht, 6.

  15. Zum Folgenden: Ders., Was geschieht, passim; ders., Bibel und Predigt, passim.

  16. Ders., Wer ist denn dieser Jesus? Verkündigung im Regensburger Dom, Lesejahr C, Regensburg ,21978, 207.

  17. Zum Folgenden: Art. Mystagogie, in: LThK2, Bd.?, 570-572; vgl. Herbert Haslinger, Was ist Mystagagie? Praktisch-theologische Annäherung an einen strapazierten Begriff, in: Stefan Knobloch/ Herbert Haslinger (Hg.), Mystagogische Seelsorge. Eine lebensgeschichtlich orientierte Pastoral, Mainz 1991,15-75, 55-60.

  18. Michael Grünwald, Dient dem Herrn. Verkündigung im Regensburger Dom, Lesejahr C - die Zweiten Lesungen, Regensburg 1985,198.

  19. Ders., Lasst nicht nach in eurem Eifer. Verkündigung im Regensburger Dom, Lesejahr A - die Zweiten Lesungen, Regensburg 1986,127.

  20. Ders., Eucharistie feiern. Eine geistliche Anleitung für Priester, Regensburg 1990, 7. - Dem Vorwort ist ein kleiner Abschnitt eingefügt, in dem Grünwald die Theologen nennt, aus deren Arbeiten er selbst zum Verstehen und Vollzug der Eucharistiefeier viel profitiert hat, neben Josef Andreas Jungmann und Joseph Ratzinger Jean Corbon. Corbon, maronitischer Priester und Professor in Beirut, veröffentlichte 1980 "Liturgie de Source" (deutsch: Liturgie aus dem Urquell, Einsiedeln 1981), ein spiritueller Entwurf, der das liturgische Geschehen der Kirche als "Tradition des Mysteriums" zu verstehen sucht. Hans Urs von Baltbasar schreibt als Übersetzer im Vorwort (9f): "Zunächst soll die - seit dem Konzil nach vielen Richtungen tastende, aber dabei oft den Mittelpunkt verfehlende - liturgische Erneuerung in die Tiefe des Mysteriums zurückgeleitet werden. Die Dimensionen des Trinitarischen, Christologischen, Pneumatologischen müssen groß offenstehen, wenn man das Ekklesialogische an seinen rechten Platz stellen will."

  21. Zitiert aus: Private Vorlesungsmitschrift.

  22. Grünwald, Lasst nicht nach, 129f.

  23. Zum Folgenden, wenn nicht anders vermerkt: Private Vorlesungsmitschrift.

  24. Michael Grünwald, Ich glaube an Jesus, den Messias. Verkündigung im Regensburger Dom, Lesejahr B, Regensburg 1979, 127; ebd. 149.

  25. Vgl. dazu: Paul Wehrle, Zur Standortbestimmung der Predigt. Tendenzen in der Homiletik während der letzten Jahrzehnte, in: Lebendige Seelsorge 28 (1977), 309-313; ders., Verkündigung zwischen Botschaft und Situation, in: Ebd. 318-324.

  26. Verlag Friedrich Pustet, Registratur, Brief vom 28. August 1974.

  27. Die drei Werke zu den Sonntagsevangelien erreichten eine zweite Auflage, die Bände "Lasst nicht nach in eurem Eifer" und "Brennt im Geist" wurden mit der höchsten Auflage von jeweils 3250 Exemplaren verlegt. Auskünfte des Verlages Friedrich Pustet. Herzlichen Dank.

  28. Grünwald, Ich glaube, 2. Auflage, Klappentext.

  29. Hinzuweisen ist noch auf eine Predigtsammlung, die nach dem Tod Grünwalds 1991 erschien und die Entwürfe zu den alttestamentlichen Lesungen der sonntäglichen Perikopenordnung beinhaltet. Unter dem Titel "Wie eine brennende Fackel" zeichnen in der Herausgeberschaft die Schwester des Verstorbenen, Anna Maria Grünwald, der frühere Leiter des Bischöflichen Seelsorgeamtes Regensburg, Dr. Karl Wölfl, und der Verleger Karl-Heinz Strauß verantwortlich.

  30. Zum Beispiel: "Die Hirtenbriefe unserer Bischöfe sind Meisterstücke verschlüsselter Diplomatie geworden." Grünwald, Ich glaube, 128. "Wir müssen uns sagen, dass wir mit zehn oder zwanzig Mark für ,Adveniat' und ,Misereor' nicht glaubwürdig sind. Eine bischöfliche oder klösterliche Brauerei muss sich ganz ernsthaft fragen, was sie mit ihrem Gewinn macht und hat ihn unter den Augen des Evangeliums zu verrechnen ... Manche kirchliche Bauten sähen anders aus, wenn wir uns an die Vorstellungen des Evangeliums hielten, statt den Vorstellungen der Architekten nachzugeben. Auch manche Kirchen stünden nicht." Ebd. 165. "Unbeweglichkeit und frommer Starrsinn sind ein echter Trick Satans." Ders., Was geschieht, 4. "Es ist uns verwehrt, Predigten zu halten, bei denen das Wort Gottes nur Motto für unsere eigenen Gedanken ist oder, wie es alt so schön in der Zeitung heißt: ,Er knüpfte an ein Wort aus der Heiligen Schrift an.’" Ders., Bibel und Predigt, 3.

  31. Zitiert aus: Private Vorlesungsmitschrift.

  32. Grünwald, Lasst nicht nach, 127.

  33. Zum Folgenden: Michael Grünwald, Abschiedsbrief "an alle, die mir auf meinem Weg beigestanden und mich begleitet haben", verfasst am 15. August 1989, unveröffentlicht.

 

Anschrift des Verfassers: St. Kassiansplatz 7a, D-93047 Regensburg